Umweltgerechtigkeit in einem abgelegenen globalen Biodiversitäts-Hotspot

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Dorfbewohner*innen durchqueren einen Fluss im Nordosten Madagaskars und transportieren Güter.

Teil der Region

Madagaskar

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Das Mahalevona-Tal erstreckt sich vom Ozean bis in die Berge, direkt neben dem Masoala-Nationalpark – in einer der artenreichsten Regionen der Welt, die Tier- und Pflanzenarten beherbergt, die sonst nirgendwo zu finden sind. Dieser ökologische Reichtum geht mit tiefgreifenden sozioökonomischen Einschränkungen einher: Viele lokale Gemeinschaften leben in grosser Armut und haben nur begrenzten Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Märkten. Die Bevölkerung kann Landwirtschaft nur auf beschränkten Flächen in Pufferzonen von Schutzgebieten betreiben, die zudem sehr ungleich verteilt sind. Insbesondere jüngere Generationen stehen vor grossen Schwierigkeiten, ihre Lebensgrundlagen zu sichern. Ohne Zugang zu weiterem Land oder eine Entschädigung dafür, dass der Wald erhalten wird, sehen sich viele Menschen dazu gezwungen, Wälder zu roden, um im Wanderfeldbau Bergreis anzupflanzen oder kommerzielle Kulturen wie Vanille und Gewürznelken anzubauen. Die Isolation der Region schafft weitere Hürden, da sie den Zugang zu Märkten, Infrastruktur und technischem Wissen erschwert. Naturschutz und der Anbau von Exportkulturen werden häufig von unkoordinierten, externen Akteur*innen geprägt, deren Agenden sich zum Teil stark widersprechen.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, arbeitet die Wyss Academy in enger Zusammenarbeit mit ihrer wichtigsten Partnerorganisation daran, den Zugang zu Land im Rahmen der Verwaltungsstrukturen gerechter zu gestalten und landwirtschaftliche sowie weitere Ertragsquellen weiterzuentwickeln – darunter Wertschöpfungsketten für Schlüsselprodukte und -dienstleistungen. Angesichts der Grenzen einer solchen Bioökonomie in einem abgelegenen Tal richten sich die Anstrengungen auch auf die Diversifizierung der Einkommen. Etwa die Seidenproduktion und eine bessere digitale Anbindung sollen helfen, die regionale Wirtschaft zu beleben und die Isolation zu verringern.

Das Jahr 2025 markiert einen Wendepunkt – es gab uns Anlass zum Innehalten, zu reflektieren und uns neu auszurichten. Wir haben unsere Theory of Change geschärft und die entscheidende Rolle anerkannt, die starke Kompetenzen in Monitoring und Lernen für eine fundierte und effiziente Bewertung der Wirkung spielen. Damit haben wir die Grundlage für ein bewussteres und evidenzbasiertes Handeln in der nächsten Phase geschaffen.

Wichtigste Erfolge im Jahr 2025

Im Jahr 2025 ging es um die Festigung und den Ausbau bestehender Aktivitäten, wobei ein bewusster Schwerpunkt auf Partnerschaften, Dialog und institutionelle Verankerung gelegt wurde. Das Engagement wurde auf Akteur*innen aus dem Privatsektor, Umsetzungspartner*innen und innovationsorientierte Organisationen ausgeweitet. Dadurch ist eine zukunftsgerichtete Dynamik entstanden – insbesondere in Bezug auf naturfördernde Wertschöpfungsketten, gemeinschaftsbasiertes Lernen und politikrelevanten Austausch. Eine Reihe von Stakeholder-Veranstaltungen und gemeinsamen Workshops schuf Räume für Austausch, Reflexion und gemeinsames Handeln. Akteur*innen, die in derselben Landschaft und dort oft unabhängig voneinander arbeiten, konnten so ihre Rollen besser klären und Bereiche definieren, in denen eine stärkere Koordination nötig ist.

Zudem konnte eine wichtige Grundlage für künftiges Monitoring und Lernen gelegt werden. Im November 2025 wurde eine Basiserhebung durchgeführt, die einen Referenzpunkt schafft, um Fortschritte und Wirkung in den kommenden Jahren zu beurteilen.

  • Wichtigste Ergebnisse

  • Besuche in den Gemeinschaftszentren (Kompetenzentwicklung im Bereich Digitalisierung) 6814

  • Teilnehmende an Schulungen (u.a. für digitale Kompetenzen) 945

  • Im Mahalevona-Tal entstehen nachhaltige Wertschöpfungsketten in Kooperation mit dem Privatsektor 64

  • Im Mahalevona-Tal entstehen nachhaltige Wertschöpfungsketten in Kooperation mit dem Privatsektor

    Die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor im Mahalevona-Tal hat sich 2025 vertieft. Zu den wichtigsten Partnerinnen gehörten MC Ingredients (MCI), Maroa Market, Floramad sowie das Maison de l'Apiculture Malagasy (MAM). Dazu kamen innovative Start-ups wie SoaTech und Mot'Aratra. Der Exporteur MCI arbeitet derzeit mit hundert Produzentinnen der scharfen Chili-Sorte Bird's Eye Chili zusammen, die in der Produzentinnenvereinigung Ravimaitso organisiert sind. Anfang 2025 hat sich Floramad dazu verpflichtet, ätherische Öle aus verantwortungsvoll geernteten Nelkenblättern zu beziehen. Dem war ein Jahr mit intensiven Gesprächen vorangegangen, etwa zur Sensibilisierung der lokalen Behörden und zur Identifizierung motivierter Produzentinnen.

    Bislang haben diese Kooperationen dazu beigetragen, dass die Produzent*innenorganisationen gestärkt wurden und sich der Marktzugang verbessert hat. Gleichzeitig sind konkrete Innovationen entwickelt worden – unter anderem Lösungen zur Rückverfolgbarkeit von Produkten, einer umweltverträglicheren Honigproduktion und zur Verbesserung des Transports durch Elektromobilität. Gemeinsam schaffen diese Partnerschaften eine Grundlage dafür, lokale Wertschöpfungsketten breiter zu verankern und nachhaltige private Investitionen für die langfristige Entwicklung des Tals zu nutzen.

    Imker lernen in einer praxisnahen Schulung, wie ein Absperrgitter eingesetzt wird, um die Königin von den Honigwaben fernzuhalten.
  • Die gemeinschaftsbasierten Wissenszentren Ivo-toerana Mirohy unterstützen die Entwicklungspfade

    Im Jahr 2025 haben die Gemeinschaftszentren Ivo-toerana Mirohy ihren Betrieb als Wissenszentren vollständig aufgenommen und bieten nun Zugang zu Informationen und Wissen. Die Zentren werden mit Solarenergie betrieben und sind mit Highspeed-Internet ausgestattet. Sie geben der Bevölkerung Zugang zu Online-Ressourcen und KI-gestütztem Lernen. Lokale Coaches helfen dabei, diese Instrumente in der Praxis zu nutzen.

    Die Zentren richten sich an junge Menschen, Frauen und Landwirt*innen aus Maroantsetra und dem weiteren Mahalevona-Tal. Insgesamt haben bereits 390 junge Menschen in Schulungen ihre digitalen Kompetenzen verbessert. Weitere 174 Teilnehmende haben Trainings zur Sicherung der Lebensgrundlagen absolviert und dabei auch Instrumente der Künstlichen Intelligenz kennengelernt. Die Themen reichen von Kochen über Handwerk bis hin zu Fischzucht, Imkerei, Nähen und Geflügelhaltung. Parallel dazu nahmen 306 Personen an Präsenz- und Fernschulungen teil – zu Themen wie Unternehmertum, Umweltbildung, Kommunikationskompetenzen und berufspraktischen Techniken.

    Mit Blick auf die kommenden Jahre werden die Angebote von Ivo-toerana Mirohy weiter im Sinne der lokalen Entwicklungspfade ausgebaut – als zugängliche Plattform für gemeinschaftsbasiertes Lernen, Berufschancen junger Menschen und kontinuierlichen Wissensaustausch.

    Unter Anleitung von Honorette (rechts), einer jungen Digitaltrainerin, arbeiten Teilnehmende gemeinsam an ihren Lebensläufen.
  • Allianz mit der Schweizer Botschaft schafft Dialog und mehr Sichtbarkeit

    In diesem Jahr hat eine strategische Allianz mit der Schweizer Botschaft in Madagaskar konkret Gestalt angenommen. Der Weg für eine vertiefte Zusammenarbeit wurde im April bei einem Antrittsbesuch beim neu ernannten Schweizer Botschafter geebnet. In der Folge hat die Botschaft die Wyss Academy gemeinsam mit weiteren Organisationen eingeladen, einen Dialog zum Spannungsfeld Umwelt und Wirtschaft zu gestalten. Zielgruppen waren Akteurinnen aus dem Naturschutz und Vertreterinnen des in Madagaskar aktiven Schweizer Privatsektors.

    Im November 2025 fand in der Schweizer Residenz die Veranstaltung «Voices for the Forest: A Dialogue with Madagascar's Changemakers» statt. Sie bot jungen malagassischen Changemakers eine Plattform, um ihre Initiativen vorzustellen – darunter waren Ideen in Bezug auf Frauenförderung, klimaresiliente Lebensgrundlagen, verantwortungsvollen Tourismus und Umweltbildung. Im Dezember besuchte dann eine vom Botschafter geleitete Delegation das Mahalevona-Tal und den Masoala-Nationalpark, um sich ein Bild von den Aktivitäten vor Ort zu machen.

    Diese Allianz erhöht nicht nur die allgemeine Sichtbarkeit. Sie verbindet evidenzbasierte Erkenntnisse aus der Praxis mit jenen Plattformen, in denen Agenden gestaltet werden und der Privatsektor sich engagiert. Gleichzeitig weist sie einen klaren Weg für 2026: Der weitere Dialog wird die Politik miteinbeziehen, auf Erkenntnissen aus der Praxis fussen und auf gemeinsame Massnahmen abzielen, die sowohl den Wäldern als auch den lokalen Gemeinschaften zugutekommen.

    Bei einem Besuch in Maroantsetra trifft der Schweizer Botschafter, Stefano Toscano, in Madagaskar Mitarbeitende von SEPALI – lokale Partner, die in der Landschaft Makira–Masoala naturschutzbasierte Lebensgrundlagen unterstützen.

Impact Story

  • Ein Landwirt, ein Werkzeug, doppelte Ernte

    In der Ortschaft Fizono im nordmadegassischen Mahalevona-Tal liegen Reisfelder in kleinen Parzellen verstreut. Doch der Zugang zu Werkzeugen ist in dieser abgelegenen Region nahe dem Masoala-Nationalpark stark begrenzt. Für den jungen Landwirt Delien, der einen Drei-Personen-Haushalt unterstützt, ist das eine alltägliche und belastende Einschränkung. Im Juni 2024 hat er mit dem Reisanbau auf gepachteten Feldern begonnen. Die Abmachung mit den Landbesitzer*innen aus der weiter nördlich gelegenen Küstenstadt Sambava besagt, dass diese einen Teil der Ernte erhalten. Da nur er und seine Frau die Arbeit mit zwei paar Händen verrichten konnten, war die Bewirtschaftung langsam und kräftezehrend. Tierische Zugkraft hätte helfen können – gemeint ist damit das Pflügen mit einem in Madagaskar üblichen Zebu-Rind. Die Kosten übersteigen jedoch mit 800'000 Malagasy Ariary (176 USD) für eine Anbausaison deutlich die Möglichkeiten des Haushalts.

    Deliens weiterentwickelter Pflug im Einsatz in Fizono – ein Beispiel dafür, dass kleine Anpassungen einen grossen Unterschied machen, wenn Werkzeuge knapp sind.

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