Passive Bewässerung und Bodenschutz – Neue Wege für Landwirtschaft im Grossen Moos
Impact Story
Veröffentlichungsdatum: 16. Oktober 2025

Passive Bewässerung und Bodenschutz – Neue Wege für Landwirtschaft im Grossen Moos
Impact Story
Veröffentlichungsdatum: 16. Oktober 2025
Das Pilotprojekt «Gezieltes Wassermanagement durch passive Bewässerung» ermöglicht im Grossen Moos den Praxistest für einen neuen Ansatz. Matthias Schwab macht damit erste Erfahrungen im Grissachmoos, wo er mit seiner Familie einen Landwirtschaftsbetrieb leitet.
Zwischen dem Zihlkanal und einem wichtigen Entwässerungsgraben befindet sich einer der tiefsten Punkte der Gemeinde Gals – ein Gebiet, das unter dem alten Flurnamen «Wasserhof» bekannt ist. Genau hier bewirtschaftet Matthias Schwab mit seiner Familie einen Betrieb. Der Name verweist auf die Problematik der stehenden Nässe. Ohne Drainagen wäre hier keine landwirtschaftliche Produktion möglich. «Das Wasser sucht sich immer seinen Weg», sagt Schwab. Während Drainage für viele reine Technik darstellt, ist sie für ihn Teil einer grösseren Idee: Wasser lenken, Böden erhalten, Landwirtschaft neu denken.
Pragmatismus trifft Forschergeist
Zum Landwirtschaftsbetrieb von Matthias Schwab gehören Ackerbau und die Milchviehhaltung in einer sogenannten Betriebszweigsgemeinschaft. Daneben führt er mit seinem Bruder Markus ein Lohnunternehmen, das Beratung im Kartoffelbau und Dienstleistungen bei der Be- und Entwässerung anbietet. Dabei sind Betrieb und Lohnunternehmen organisatorisch und buchhalterisch ebenso klar getrennt wie die Rollen: Matthias ist für Konzepte und Innovationen verantwortlich; Markus prüft, rechnet und setzt technisch um.
Der Weg dahin war nicht einfach. Nach dem Tod des Vaters mussten die Brüder den elterlichen Betrieb früh übernehmen. «Wir wussten vieles nicht, aber wir haben uns durchgeschlagen.» Neben dem Betrieb hat ihnen der Vater auch einen ausgeprägten Innovationsgeist mitgegeben. Bereits in den 1980er-Jahren installierte er eine elektrische Bewässerungsanlage – damals eine Seltenheit. Auch in die Pflege der Drainage wurde früh investiert. Matthias Schwab sieht sich heute als Praktiker mit Forscherdrang. Seine Motivation: Landwirtschaft zukunftsfähig gestalten – mit Lösungen, die nicht nur seinem Betrieb, sondern der ganzen Region zugutekommen.
«Ich will nicht das grosse Geld verdienen, sondern dazu beitragen, dass unsere Böden langfristig erhalten bleiben.»
Matthias Schwab
Anspruchsvoller Boden im Grissachmoos fördert Nachhaltigkeit
Das Seeland ist fruchtbar – aber auch herausfordernd. Die Böden im Grissachmoos sind teils schwer, torfig und sensibel. «Ohne Drainagen wäre unser Hof nicht bewirtschaftbar», erklärt Matthias Schwab. Besonders bei Starkregen ist der tief liegende Standort problematisch: Das Wasser sammelt sich auf den Feldern; in Trockenphasen hingegen wird die obere Bodenschicht schnell hart und rissig. Eine Rolle spielt auch die intensive Nutzung des Bodens nach dem Zweiten Weltkrieg, was den Verlust seiner Struktur zur Folge hatte. Seit geraumer Zeit ist jedoch ein Umdenken im Gang und der Boden wird behutsamer bewirtschaftet. Nachhaltige Bewirtschaftung ist inzwischen ein Schlüsselthema.
Auf die veränderten Bedingungen reagierte Schwab mit diversen Ansätzen – etwa durch Bodenaufwertungen, die Auflockerung tiefer Bodenschichten oder den Anbau neuer Kulturen wie der Süsskartoffel, die besser mit Trockenheit zurechtkommt.

Innovation aus der Tiefe: Passive Bewässerung
Die Idee der Subirrigation – einer passiven Bewässerungsmethode über gestaute Drainagen – kam Matthias Schwab während einer Fahrt über seine Felder: Wäre es möglich, das Wasser, das durch die Region fliesst, zurückzuhalten und zu nutzen? Ein bestechender Gedanke angesichts der Tatsache, dass ein Drittel des gesamten Schweizer Süsswassers durch das Drei-Seen-Land fliesst – durch den Neuenburgersee, den Bielersee und den Murtensee – und das Grosse Moos genau in diese Landschaft eingebettet ist.
Matthias Schwab brachte den Gedanken im Forum Ins ein, einer von der Wyss Academy und vom Kanton Bern lancierten Plattform für Anspruchsgruppen. In diesem Rahmen wurde die Idee gemeinsam mit anderen Akteur*innen weiterentwickelt. Gedacht, getan: Statt Wasser nur abzuleiten, wird es gezielt zurückgehalten. Über ein Regelwerk in der Hauptleitung wird Wasser aus dem Zihlkanal in die Drainageleitungen gestaut. Durch kapillaren Aufstieg wird die Wurzelzone ohne Oberflächenbewässerung mit Wasser versorgt. Die Vorteile liegen auf der Hand: gleichmässigere Bodenfeuchte, geringerer Stress für die Pflanzen, Schutz organischer Bodenschichten und eine Reduktion des CO2-Ausstosses durch verminderten Torfabbau.
Seit April 2025 ist die passive Bewässerung auf einer grossen Parzelle in Betrieb. Wissenschaftlich begleitet von der Universität Neuchâtel soll das System zeigen, wie gut es funktioniert. Beobachtet wird etwa, wie sich das Wasser bei unterschiedlichen Bedingungen verteilt und wie hydrogeologische Prozesse im Untergrund ablaufen.
Die nächsten Schritte sind bereits in Planung. Schwab denkt über die Kombination mit einer sensorgestützten Oberflächenbewässerung nach und will das System auch anderen Betrieben zugänglich machen. Jungen Berufskolleg*innen gibt er mit: «Traut euch, neue Wege zu gehen. Bleibt offen. Und denkt vor allem immer vom Boden her.» Für Cyrill Hess, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Wyss Academy und zuständig für die Pilotprojekte im Grossen Moos, sind Pioniere wie Matthias Schwab für den Erfolg des Wyss-Academy-Ansatzes unerlässlich. «Mit unserer Unterstützung entwickeln sie Lösungen, die grosses Potenzial für die Region und darüber hinaus haben.»
Dieser Text ist erstmals im August 2025 im Fachmagazin für die Schweizer Landwirtschaft «die grüne» (Autor: Gil Rudaz) erschienen und wird hier in einer leicht angepassten und gekürzten Version wiedergegeben.