Tany: Boden, Zugehörigkeit und Naturschutz in Madagaskar
News
Veröffentlichungsdatum: 15. Mai 2026

Tany: Boden, Zugehörigkeit und Naturschutz in Madagaskar
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Veröffentlichungsdatum: 15. Mai 2026
Tany (soil) and traditional knowledge: Navigating relational values, food sovereignty and conservation in Masoala National Park's buffer zone, Madagascar
Auf einem Hügel oberhalb von Ankovana im Nordosten Madagaskars giesst ein Bauer Honig auf einen Stein, bevor er den Boden bearbeitet. Die Geste ist jahrhundertealt – und steht im Mittelpunkt einer neuen Studie, die fragt, was dem Naturschutz bisher gefehlt hat.
Vor dem Pflanzen giesst ein Betsimisaraka-Bauer im Nordosten Madagaskars Honig auf einen Stein und bittet die unsichtbaren Eigentümer des Landes um Erlaubnis. Das Ritual ist nicht beiläufig. Für die Gemeinschaften, die in der Pufferzone des Masoala-Nationalparks leben, ist tany – das madagassische Wort, das Boden, Land, Territorium und angestammtes Erbe in einem einzigen Begriff vereint – die Grundlage, auf der Ernährungssouveränität, Zugehörigkeit und ökologische Pflege gemeinsam ruhen.
Eine neue Studie in Geo: Geography and Environment fragt, was geschieht, wenn Naturschutzprogramme diese Grundlage nicht anerkennen. Sie wurde geleitet von Svitlana Lavrenciuc von der Wyss Academy und dem Centre for Development and Environment der Universität Bern, und mitverfasst von Herizo Andriambololona, Paul Clément und Tida Tzilanizara von der École Supérieure des Sciences Agronomiques der Universität Antananarivo. Die Erkenntnisse basieren auf neun Wochen kollaborativer Feldforschung in vier Dörfern zwischen 2023 und 2024 – und verweisen auf ein Muster, das weit über Masoala hinausgeht.
In Interviews beim gemeinsamen Gehen, halbstrukturierten Gesprächen und Videodokumentation mit 24 Betsimisaraka-Bäuerinnen und -Bauern zeichnet die Forschung nach, wie tany-Pflege in Ahnenobligationen, gegenseitige Arbeitsvereinbarungen und intergenerationelle Erbschaftspraktiken eingebettet ist. Bäuerinnen und Bauern unterscheiden Bodentypen nach Textur, Farbe, Feuchtigkeit und Vegetationsindikatoren – mit differenzierten, empirisch fundierten Methoden, die im Parkmanagement bislang unsichtbar bleiben. Besonders bedeutsam ist eine soziale Institution: fandriaka, ein System gegenseitiger Hilfe, das einst Nachbarinnen und Nachbarn mobilisierte, gemeinsam das Land zu bewirtschaften, ohne dass Geld den Besitzer wechselte. Der eingeschränkte Zugang zu tany fivelomana – «dem Land, das Leben ermöglicht» – hat nicht nur Lebensgrundlagen erschüttert, sondern das relationale Geflecht fragmentiert, auf dem Ernährungssicherheit und ökologische Fürsorge gemeinsam beruhten.

Das gemeinschaftsbasierte Management natürlicher Ressourcen ist seit mehr als drei Jahrzehnten das dominierende Naturschutzmodell in Madagaskar. Die Studie argumentiert, dass seine Misserfolge keine Misserfolge der Beteiligung sind. Es sind Misserfolge der Anerkennung. Programme haben angestammte Landansprüche als Folklore behandelt, rituelle Kalender als Hindernisse und unbezahlte Gemeinschaftsarbeit als kostenlose Ressource – während sie sich selbst als inklusiv darstellten. Was die Gemeinschaften erlebt haben, ist eine subtilere Form der Einhegung.
Dennoch verlieren die Betsimisaraka-Gemeinschaften ihre Verbindung zu tany nicht passiv. Sie verhandeln sie aktiv neu. Bäuerinnen und Bauern verbinden angestammte und christliche Praktiken, diversifizieren ihre Lebensgrundlagen und behalten dabei ortsgebundene Identitäten bei. Manche investieren in die Ausbildung ihrer Kinder als langfristige Strategie zur Wiederherstellung der tany-Fruchtbarkeit. Das relationale Geflecht ist stellenweise ausgefranst. Es wird auch neu geknüpft.

Die Studie geht über die Kritik hinaus. Sie schlägt konkrete Reformen vor: fandriaka als Naturschutzbeitrag anzuerkennen, lokales tany-Klassifikationswissen in das Parkmanagement zu integrieren und Anbaurechte in der Pufferzone als Voraussetzung für legitime Governance zu sichern. Die Autorinnen und Autoren nennen dies einen Wechsel von partizipatorischer Rhetorik zu kollaborativer Fürsorge. Möglich wurde die Forschung durch die enge Zusammenarbeit mit dem Full Circle Initiative-Team in Maroantsetra, ohne dessen Feldunterstützung und institutionelles Wissen diese Arbeit nicht möglich gewesen wäre.
Die Forschung ist Teil der Arbeit der Wyss Academy in ihrem Solutionscape Madagaskar. Doch die Frage, die sie aufwirft, ist nicht auf Masoala beschränkt: Überall dort, wo Stewardship als technisches Problem statt als relationales behandelt wird, wiederholt sich dasselbe Muster in gemeinschaftsbasierten Naturschutzmodellen. Gemeinschaften werden eingeladen, an Rahmen teilzunehmen, die still und leise genau das Wissen verdrängen, das sie zu Hüterinnen und Hütern macht.
Text: Predrag Tripkovic