Wo Elefanten wandern und Menschen ihre Felder bewirtschaften: die Korridore dazwischen kartieren
Projektupdate
Veröffentlichungsdatum: 16. Juni 2026

Teil des Projekts
Wo Elefanten wandern und Menschen ihre Felder bewirtschaften: die Korridore dazwischen kartieren
Projektupdate
Teil des Projekts
Veröffentlichungsdatum: 16. Juni 2026
Als Menschen aus dem gesamten oberen Einzugsgebiet des Ewaso Ng'iro in Kenia zusammenkamen, um die Wanderrouten der Wildtiere zu kartieren, zeichneten sie immer wieder dieselbe Karte. Unabhängig voneinander, in verschiedenen Gruppen, zeigten die Teilnehmenden auf dieselben Orte – dieselben Engpässe, dieselben Konfliktzonen, dieselben unterbrochenen Korridore. Für die Menschen vor Ort war diese Karte keine Überraschung, sondern eine Bestätigung.
Ein Einzugsgebiet unter Druck
Das obere Einzugsgebiet des Ewaso Ng'iro gehört zu den ökologisch bedeutendsten Landschaften Kenias. Über ein weitverzweigtes Netz von Wanderrouten verbindet es Schutzgebiete, Wälder und Gemeinschaftsland. Doch dieses Netz zerfällt zusehends. Die Ausdehnung von Siedlungen und die vordringende Landwirtschaft verengen die Korridore, die Elefanten und andere Wildtiere brauchen, um sich zwischen ihren Lebensräumen zu bewegen. Je knapper der Raum wird, desto häufiger treffen Wildtiere und bäuerliche Gemeinschaften aufeinander – und desto häufiger kommt es zu Konflikten.
Konflikte zwischen Menschen und Elefanten sind weit mehr als ein Ärgernis. Fällt eine Elefantenherde in die Felder ein, kann die Ernte einerganzen Saison über Nacht verloren sein. Für die Bauernfamilien bedeutet das eine schwere finanzielle und emotionale Belastung – und untergräbt ihr Vertrauen in den Naturschutz. Das anzugehen, verlangt mehr als reaktive Schadensbegrenzung: Man muss verstehen, wo und warum die Konflikte entstehen – und an der Wurzel ansetzen.
Kartieren, was die Gemeinschaften längst wissen
Vom 5. bis 7. Mai 2026 richteten die Wyss Academy und CETRAD einen Workshop zum integrierten Schutz von Wildtierkorridoren und zurEntschärfung von Konflikten zwischen Menschen und Elefanten aus. Er brachte Teilnehmende aus 12 Schwerpunktstandorten zusammen, dazu Vertreter*innen der County-Behörden aus Isiolo und Meru, Mitarbeitende des Kenya Wildlife Service, Naturschutz-NGOs und Fachleute.
Im Workshop überprüften die Teilnehmenden die Daten aus der partizipativen GIS-Kartierung der Wanderrouten und Konfliktherde und werteten wissenschaftliche Erkenntnisse und regionale Fallbeispiele aus. Gemeinsam erarbeiteten sie einen Rahmen, um Naturschutzmassnahmen zu priorisieren. Zwei Wildtierkorridore wurden als vorrangig für einen sofortigen Schutz eingestuft. Zwei grosseKonfliktherde wurden für dringende Massnahmen markiert.
Was der Prozess bestätigte, war ebenso wichtig wie das, was er hervorbrachte. Gemeinschaften und Fachleute benannten durchweg dieselben Engpässe. Das lokale ökologische Wissen ist über Generationen im Zusammenleben mit Wildtieren gewachsen. Es deckte sich genau mit der wissenschaftlichen Analyse. Diese Übereinstimmung stärkte zweierlei: die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse und die Bereitschaft der Gemeinschaften, die vorgeschlagenen Massnahmen mitzutragen.


Dass blockierte Korridore und wiederkehrende Konflikte räumlich zusammenfallen, ist kein Zufall. Wo die Wanderung der Wildtiereeingeschränkt ist, ballen sich die Tiere. Wo sie sich in der Nähe von Feldern ballen, folgt der Konflikt. Die Korridore wieder zu verbinden, istdeshalb nicht nur eine ökologische Massnahme. Es kann auch helfen, den Konflikt selbst zu entschärfen.
Der Workshop brachte vier konkrete Ergebnisse: ausgewiesene vorrangige Korridore und Konfliktherde; einen Konsens der Beteiligten über die Prioritäten; eine engere Zusammenarbeit zwischen Gemeinschaften, County-Behörden, dem Kenya Wildlife Service und Naturschutzpartnern; sowie konkrete nächste Schritte, darunter die Abgrenzung der Korridore, gemeindebasierte Massnahmen zur Konfliktentschärfung und ein langfristiges Monitoring.
Die vorgeschlagenen Korridorgrenzen und Massnahmen werden in der laufenden Zusammenarbeit mit den Beteiligten und in den Planungsprozessen der Countys weiter verfeinert.
Ein Modell, das sich übertragen lässt
Der hier entwickelte Ansatz verbindet partizipatives GIS, wissenschaftliche Analyse und einen strukturierten Dialog zwischen allenBeteiligten. Er bietet einen praktischen Rahmen für Landschaften in ganz Kenia und Ostafrika, die unter ähnlichem Druck stehen. Gute Naturschutzplanung beginnt beim Wissen der Gemeinschaften, prüft es anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse und schafft einen breitenKonsens über die Ergebnisse. Eine solche Planung liefert mehr als bessere Karten. Sie schafft Pläne, hinter deren UmsetzungGemeinschaften und Behörden stehen.
Eben deshalb versteht die Wyss Academy die Planung hier als gemeinsame Aufgabe: auf Evidenz gestützt und gemeinsam mit den Menschen erarbeitet, die in diesen Landschaften leben – als echte Partner*innen, nicht bloss als Konsultierte. Diese Arbeit ist Teil des Schwerpunkts von Hub Ostafrika auf vernetzte Lebensräume und das Zusammenleben von Mensch und Wildtier.
An article co-written by Judith Koskey & Daria Vuistiner. Edited by Predrag Tripkovìc.