Erforschung von Nachhaltigkeitspfaden in Madagaskar: Gleichgewicht zwischen Waldschutz und menschlichem Wohlbefinden

News

Veröffentlichungsdatum: 11. Januar 2026

Clara Diebold, PhD Candidate, Wyss Academy for Nature

Erforschung von Nachhaltigkeitspfaden in Madagaskar: Gleichgewicht zwischen Waldschutz und menschlichem Wohlbefinden

News

Veröffentlichungsdatum: 11. Januar 2026

In Madagaskar ist die Spannung zwischen dem Schutz der Natur und der Unterstützung der Lebensgrundlagen der Menschen sowohl dringend als auch zutiefst komplex. Die Insel ist ein globaler Biodiversitäts-Hotspot, Heimat unzähliger endemischer Arten und gehört gleichzeitig zu den ärmsten Ländern der Welt. Fast 80 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, und das Überleben vieler ist direkt von Land und natürlichen Ressourcen abhängig.

„Da die Lebensgrundlage vieler Menschen direkt von Land und natürlichen Ressourcen abhängig ist, kann die Schaffung von Schutzgebieten zur Walderhaltung ernsthafte Auswirkungen auf lokale Gemeinschaften haben,” erklärt Clara Diebold, Doktorandin an der Wyss Academy for Nature. „Aus einer Nachhaltigkeitsperspektive besteht die zentrale Herausforderung daher darin, Wälder auf eine Weise zu schützen, die sowohl effektiv als auch gerecht ist.”

Für Clara liegt diese Frage im Zentrum ihrer Forschung. Sie untersucht Nachhaltigkeitspfade: „dynamische Trajektorien oder Strategien, die es uns ermöglichen, dieses Ziel zu erreichen.” Diese Pfade, fügt sie hinzu, „sind nicht linear oder festgelegt, sondern beinhalten vielmehr multiple und potenziell überlappende Handlungen und Entscheidungen sowie Anpassungen im Laufe des Prozesses.”

The village of Fizono lies within a diverse, multifunctional landscape that includes rice fields, agroforests, and patches of remaining primary forest
Foto: Julie Zähringer

Verstehen, was den Naturschutz gerecht und effektiv macht

Claras Doktorarbeit konzentriert sich auf die Region Maroantsetra im Nordosten Madagaskars, wo sich der Solutionscape der Wyss Academy befindet. Mithilfe eines Fallstudienansatzes untersucht sie mehrere Naturschutz- und Entwicklungsinitiativen, um zu verstehen, was deren Fähigkeit unterstützt oder behindert, soziale wie auch ökologische Ziele zu erreichen.

„Mein Ziel ist es, herauszufinden, was ihre Fähigkeit unterstützt oder einschränkt, sowohl soziale als auch ökologische Ziele zu erreichen, und welche Lehren für ähnliche Bemühungen an anderer Stelle gezogen werden können,” sagt sie.

Eine ihrer ersten Studien untersuchte die Teilnahme und Wissensintegration. „Wir haben herausgefunden, dass während alle untersuchten Fälle extern initiiert wurden, die lokale Teilnahme und Wissensintegration im Laufe der Zeit tendenziell zunahm,” erklärt Clara. „Die Teilnahme blieb jedoch oft beratend, was bedeutet, dass die Menschen gebeten wurden, ihr Wissen und ihre Meinungen zu teilen, aber nicht direkt den Entscheidungsprozess beeinflussen konnten. Dies birgt das Risiko, dass externe Akteure ihre Prioritäten durchsetzen und lokale Perspektiven übergehen.”

Ihre Analyse untersuchte auch, wie verschiedene Wissensarten — System-, Ziel- und Transformationswissen — in Projekte integriert werden. „Wir haben festgestellt, dass Naturschutz- und Entwicklungsinitiativen häufig Misserfolge erlebten und eine Neugestaltung erforderlich war, wenn sie eine oder mehrere Wissensarten in ihrem Entwurf und ihrer Umsetzung vernachlässigten,” sagt sie.

Ein Fall zeigt, wie wichtig Gestaltungsentscheidungen sind. Anwohner schlugen über einen Gemeinschaftsprozess einen Gemüsegarten vor. Die Überschwemmungsgefahr des Standorts wurde vom Team nicht vollständig beurteilt, und ein späterer Zyklon zerstörte den Garten. Das Projekt musste eingestellt werden. Die Erkenntnis ist, dass von Anfang an die Bewertung von Klimarisiken und adaptive Gestaltung in gemeinschaftsgeleiteten Projekten verankert werden müssen.

Für Clara verdeutlicht dieses Beispiel eine wichtige Lektion: „Selbst wenn lokale Akteure befähigt sind, Entscheidungen zu treffen, können Projekte scheitern, wenn wichtige Wissensarten übersehen werden. Wir argumentieren daher, dass die ausdrückliche Berücksichtigung aller drei Wissensarten von Beginn an das Verständnis, wie die Dinge funktionieren, die Definition gemeinsamer Ziele und das Finden von Strategien zur Erreichung dieser Ziele sowohl die Fairness als auch die Wirksamkeit von Naturschutz- und Entwicklungsinitiativen stärken kann.”

Wissensvermittlung zur Mitgestaltung von Transformation

Ihre Arbeit konzentriert sich auch darauf, wie Transfrormationswissen co-kreiert werden kann — Einsichten wie man von der Problemerkennung zur Lösung gelangt. „In der Nachhaltigkeitswissenschaft unterscheiden wir oft zwischen drei Wissensarten: Systemwissen, Zielwissen und Transformationswissen,“ erklärt Clara. „Wissenschaft ist traditionell sehr stark in der Erzeugung von Systemwissen. Allerdings fehlt es oft an Wissen darüber, wie man diese Herausforderungen effektiv angeht. Hier leistet meine Forschung einen Beitrag: zu verstehen, welche Strategien helfen können, von Herausforderungen zu Lösungen zu gelangen.“

Claras Ansatz betont die Zusammenarbeit. „Es gibt eine breitere Übereinstimmung darüber, dass Ziel- und Transformationswissen nicht allein von Forschenden produziert werden können, sondern gemeinsam mit den direkt Betroffenen co-kreiert werden müssen,“ sagt sie. Darum führte sie Interviews mit Akteuren auf verschiedenen Ebenen von Naturschutz- und Entwicklungsinitiativen durch, gefolgt von Workshops, um die Ergebnisse zu validieren und zu vertiefen. „Auf der Grundlage einer ersten Analyse dieser Interviews organisierten wir dann Workshops mit den beteiligten Organisationen, um die Ergebnisse zu validieren und das Wissen zu vertiefen, was den Teilnehmern ermöglichte, die Ideen gemeinsam zu reflektieren und zu verfeinern.“

A person explaining something.
Foto: Davidson Toky Andrianasolo
Zwei Personen, die auf ein Handy schauen.
Foto: Davidson Toky Andrianasolo
Schulug Digitales Marketing
Foto: Davidson Toky Andrianasolo

Forschung, die in die Praxis zurückfließt

Eine von Claras Fallstudien fokussiert sich auch auf die Arbeiten der Wyss Academy in Madagaskar. „Das Team hat mir grosszügig erlaubt, an allen Aspekten ihrer Arbeit teilzunehmen, was mir tiefgehende Einblicke in die Funktionsweise der Projekte gab“, sagt sie. Obwohl ihre Forschung bisher die Aktivitäten der Wyss Academy nicht direkt verändert hat, glaubt sie, dass sie „zu Diskussionen beigetragen hat, wie beispielsweise betreffend Teilnahme an Entscheidungsprozessen.“

Ihre Erkenntnisse bestätigten den fortlaufenden Ansatz der Wyss Academy: „Der Fokus darauf, lokales, wissenschaftliches und praktisches Wissen zusammenzubringen“, sagt sie, „ist ein vielversprechender Weg nach vorne.“ In die Zukunft blickend, hofft sie, dass ihre nächste Publikation — die darauf abzielt, Hebelpunkte zur Steigerung der Effektivität von Organisationen zu identifizieren — zukünftige Strategien unterstützen und Partner in Madagaskar und darüber hinaus inspirieren kann.

Lektionen aus dem Feld

Claras Jahr in Maroantsetra hinterliess einen bleibenden Eindruck. „Das Teilen des Alltags mit dem lokalen Team liess mich erkennen, wie unterschiedlich unsere Realitäten sind und wie anspruchsvoll ihre Arbeit sein kann,“ reflektiert sie. Lokale Mitarbeitende fungieren oft als Brücke zwischen internationalen Projektleitenden und Gemeinschaften, navigieren Erwartungen von beiden Seiten und manchmal auch persönlichem Risiko.

Basierend auf dieser Erfahrung betont Clara auch die weniger sichtbaren Elemente, welche Ergebnisse prägen können — Kommunikation, Vertrauen und die alltägliche Koordination. Momente im Feld, merkt sie an, „zeigen die alltäglichen Herausforderungen der Projektumsetzung Probleme, die oft von denen übersehen werden, die wenig Zeit im Projektgebiet verbringen.“ Für sie bedeutet das Vorankommen in Richtung Nachhaltigkeit nicht nur, was getan wird, sondern auch wie es durchgeführt wird, einschliesslich gemeinsamer Entscheidungsfindung und Berücksichtigung des Kontextes.

Travelling to one of the villages, where she is conducting a case study.
Foto: Clara Diebold
Where will the road lead? A path in Voloina, district of Maroantsetra
Foto: Clara Diebold

Vorausschauend

Claras Forschung trägt ein wertvolles Stück zum grösseren Puzzle der nachhaltigen Waldkonservierung bei. „Während mein Fokus hauptsächlich auf den 'Wie'-Fragen liegt die Art und Weise, wie Naturschutz- und Entwicklungsinitiativen umgesetzt werden deren Erfolg beeinflusst befasst sich andere Forschung mit den 'Was'-Fragen, das heisst, welche Aktivitäten durchgeführt werden sollten,” sagt sie. „ Ich glaube, dass diese Einsichten zusammen mit fortlaufenden Erkenntnissen aus praktischer Umsetzung dazu beitragen können, Aktivitäten nicht nur in Madagaskar, sondern auch in anderen Solutionscapes zu lenken.”