Co-Design: erste Schritte auf dem Weg zu systemischem Wandel in Nan
Projektupdate
Veröffentlichungsdatum: 9. Juli 2026

Co-Design: erste Schritte auf dem Weg zu systemischem Wandel in Nan
Projektupdate
Veröffentlichungsdatum: 9. Juli 2026
Eine Provinz der Berge, Wälder und Flussquellen
Die Provinz Nan liegt im Norden Thailands; ihre nördlichen und östlichen Grenzen verlaufen entlang von Laos. Mehr als die Hälfte der Provinz ist von Wäldern bedeckt, und sie beherbergt sieben Nationalparks. Über ihre reichen Waldlandschaften hinaus ist die Provinz die Quelle des Nan – eines der wichtigsten Flüsse Thailands. Er ist ein bedeutender Zufluss des Chao Phraya, der durch Zentralthailand fliesst und die Wasserversorgung von Millionen Menschen im Tiefland sichert. Bemerkenswerterweise stammen rund 40 % des Wassers im Chao Phraya aus dem Nan.
Landesweit sind rund 30 % Thailands bewaldet. Der Norden verfügt über die grössten Waldflächen des Landes: Hier beträgt die Bewaldung etwa 63 %. In der Provinz Nan liegt sie mit 61 % ebenfalls relativ hoch. Gegenüber den 1960er- und 1970er-Jahren ist das jedoch ein deutlicher Rückgang – damals lag die Waldbedeckung offiziellen Angaben zufolge bei rund 85 %.
Trotz ihrer wichtigen Rolle für den Schutz von Wäldern, Biodiversität und Wassereinzugsgebieten zählt Nan zu den wirtschaftlich schwächeren Provinzen Thailands. Das Bruttoregionalprodukt pro Kopf liegt bei 86'057 THB (rund 2'615 USD) und damit auf Rang 63 von 77 Provinzen. Begrenzte wirtschaftliche Möglichkeiten und anhaltende Herausforderungen bei der Existenzsicherung setzen die natürlichen Ressourcen unter Druck: Viele Gemeinschaften vor Ort sind für ihr Einkommen stark auf Land- und Waldnutzung angewiesen.

So begann der Co-Design-Prozess
Nan ist von grosser Bedeutung – für seine Wälder, seine Biodiversität und als Quellgebiet einiger der wichtigsten Flüsse Thailands. Vor diesem Hintergrund begann Hub Southeast Asia der Wyss Academy for Nature Ende 2025 einen Co-Design-Prozess, um das Zusammenspiel von Mensch und Natur in der Region besser zu verstehen. Von Anfang an gingen wir die Arbeit mit einer neuen Haltung an: Wir wollten die wirkenden Systeme besser verstehen und dort Lücken erkennen, wo unsere Unterstützung einen Mehrwert schaffen und auf die Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaften und Partner*innen eingehen kann.
Zu Beginn brachten wir lokale Partner*innen zusammen – aus Behörden, dem Privatsektor und der Zivilgesellschaft, viele von ihnen seit Jahrzehnten in der Region tätig. Statt fertige Lösungen mitzubringen, hörten wir zunächst zu. Wir stellten eine einfache, aber wichtige Frage: Welche Herausforderungen bleiben ungelöst, und wo liegen die Lücken, deren Schliessung zu einem dauerhaften systemischen Wandel beitragen könnte?
Dem Team von Hub Southeast Asia war bewusst, wie komplex ein Co-Design-Prozess ist. Co-Design ist mehr als eine Konsultation. Es ist ein bewusst gestalteter, gemeinschaftlicher Prozess, in dem wir gemeinsam mit lokalen Partner*innen jene Gebiete, Akteur*innen und Gemeinschaften bestimmen, in denen gemeinsames Handeln wirklich etwas bewegen kann. Auf diese Weise suchten wir nach Ansätzen, die sich als Modelle eignen: um zu lernen, sich anzupassen und Bewährtes weiterzutragen. Aus ihnen sollen Erkenntnisse entstehen, die auch über die Provinz Nan hinaus einen breiteren systemischen Wandel anstossen.

Im Februar 2026 fand der erste Co-Design-Workshop statt. Mehr als 60 Teilnehmende aus verschiedenen Sektoren der Provinz Nan kamen zusammen. Sie beleuchteten die Herausforderungen und die Systemdynamiken, die das Verhältnis von Mensch und Wald prägen, und benannten mögliche Bereiche, in denen die Wyss Academy for Nature einen Beitrag leisten kann – entlang ihrer vier Wirkungsdimensionen: Biodiversität, Landnutzung und Produktionssysteme, menschliches Wohlergehen sowie Governance und soziale Organisation.
Im Workshop hatten sich Prioritäten herausgebildet. Daran anknüpfend unternahm das Team von Hub Southeast Asia im Folgemonat gemeinsam mit lokalen Partner*innen mehrere Feldbesuche. Diese vertieften das Verständnis für die vorgeschlagenen Schwerpunkte, brachten lokale Perspektiven ein und lieferten Erkenntnisse für die Entscheidungen zur nächsten Phase des Co-Design-Prozesses.
Auf Grundlage dieses sorgfältigen und partizipativen Prozesses wurde der Unterdistrikt Phu Kha als unser neues Reallabor ausgewählt. Ausschlaggebend war beides: die ökologische Bedeutung des Gebiets und sein Potenzial als Landschaft, in der sich innovative, lokal getragene Lösungen erproben und verfeinern lassen. Bewährt sich ein Ansatz, kann er auch andernorts aufgegriffen werden – für Herausforderungen rund um Wälder, Existenzgrundlagen und nachhaltige Entwicklung, die eng miteinander zusammenhängen.

Phu Kha: eine Region üppiger Wälder und langjähriger Herausforderungen
Der Name Phu Kha geht auf die nordthailändischen Wörter phu (Berg) und kha (eine einheimische Pflanzenart) zurück. Er wird zudem mit der Phu-Kha-Dynastie in Verbindung gebracht, die Nan vom späten 13. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts beherrschte.
Der rund 291 Quadratkilometer grosse Unterdistrikt Phu Kha liegt vollständig innerhalb des Doi-Phu-Kha-Nationalparks und des staatlichen Waldreservats. Indigene Gemeinschaften leben seit Generationen in diesen Bergen – lange vor der Ausweisung der Schutzgebiete – und tragen wesentlich zur Pflege der umliegenden Wälder bei. Doch trotz ihrer engen Verbundenheit mit der Landschaft haben viele von ihnen bis heute nur eingeschränkten Zugang zu gesicherten Land- und Ressourcenrechten.
In den vergangenen Jahrzehnten haben wirtschaftliche Zwänge viele Haushalte dazu gebracht, von traditionellen Existenzgrundlagen zum Anbau von Marktfrüchten überzugehen – vor allem Mais, Maniok und Kautschuk. Diese Kulturen bringen zwar Einkommen, tragen aber auch zu Bodenerosion und Landdegradation bei. Zugleich schränken eine unzureichende Wasser- und Strasseninfrastruktur sowie unsichere Landbesitzverhältnisse die Möglichkeiten für eine nachhaltigere und rentablere Landnutzung ein. Weil die künftigen Land- und Ernterechte ungewiss sind, scheuen viele Landwirt*innen Investitionen in Dauerkulturen und in die langfristige Wiederherstellung der Landschaft – und der Kreislauf aus Umweltzerstörung und wirtschaftlicher Verletzlichkeit verstärkt sich.

Eine entstehende Koalition für den Wandel weckt Hoffnung auf systemische Veränderung
Systemische Herausforderungen anzugehen ist ein langer und komplexer Weg. Doch schon in den frühen Phasen des Co-Design-Prozesses zeichnet sich eine Koalition für den Wandel ab – ein Beleg dafür, wie wertvoll es ist, Silos aufzubrechen und über Sektorgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten.
Zwischen Mai und Juni 2026 fanden zwei weitere Co-Design-Workshops statt, begleitet von zusätzlichen Ortsbesuchen in Phu Kha. Sie brachten Vertreter*innen von Behörden auf Provinz- und Lokalebene, zivilgesellschaftlichen Organisationen und lokalen Gemeinschaften zusammen. Im gemeinsamen Austausch und beim Lernen vor Ort konnten Akteur*innen, die sonst kaum eng zusammenarbeiten, Beziehungen aufbauen, Perspektiven teilen und ein umfassenderes Verständnis für die Herausforderungen der Region entwickeln.
Schon jetzt zeigen sich ermutigende Anzeichen für Veränderung. Lokale Behörden stimmen sich enger ab, um ihre jeweiligen Rollen zu klären und Möglichkeiten zu finden, die Infrastruktur in unterversorgten Gemeinschaften zu verbessern. Provinzbeamt*innen sind zudem direkt auf die Bewohner*innen zugegangen, um auszuloten, wie sich die Kompetenzen der Landwirt*innen stärken lassen – auch in Siedlungen, die aufgrund ihres Verwaltungsstatus bislang kaum Zugang zu staatlicher Unterstützung hatten.
Diese Veränderungen stehen noch am Anfang, und doch sind sie bedeutsam: Sie verändern, wie Menschen und Institutionen sich verbinden, zusammenarbeiten und auf gemeinsame Herausforderungen reagieren. Zugleich zeigen sie, was der Co-Design-Prozess bewirken kann – er schafft das Vertrauen, die Beziehungen und das gemeinsame Handeln, die es braucht, um langfristig einen systemischen Wandel zu tragen.
Text: Chertalay Suwanpanich